Wien: Gegen den Trend
Seit zwölf Jahren ruhen die Ausbaupläne des Wiener Straßenbahnnetzes. Stattdessen verlängert man U-Bahn-Linien in die Peripherie. Von Wolfgang Kaiser
Entgegen dem internationalen Trend stagniert in Wien der Ausbau des Straßenbahnnetzes seit mehr als einem Jahrzehnt und die zahlreich vorhandenen Ausbaupläne sind auf Eis gelegt. Stattdessen wurden in den vergangenen Jahren – dem nach wie vor anhaltenden U-Bahn-Wahn folgend – Straßenbahnstrecken in peripheren Gebieten durch teure U-Bahnen ersetzt und der weitere Ausbau des U-Bahnnetzes ist beschlossene Sache. Die Situation der Straßenbahn lässt sich aber auch durch einen stetig sinkenden Fahrzeugauslauf und einen recht willkürlichen Einsatz der schadanfälligen Niederflurwagen charakterisieren.
"Wien ist anders"
Mit diesem Slogan werben Tourismusmanager für einen Besuch der österreichischen Bundeshauptstadt – und er lässt sich durchaus auch zur Beschreibung des öffentlichen Verkehrsnetzes heranziehen. Denn anders als in zahlreichen mittel- und westeuropäischen Metropolen kam es hier in den vergangenen zwölf Jahren zu keinem Ausbau des Straßenbahnnetzes und die von Stadtplanern als notwendig und sinnvoll erachteten Ausbaupläne werden von den Rathauspolitikern nicht mit Nachdruck verfolgt und von Bezirkspolitikern teils sogar vehement bekämpft. In dieses Bild passt auch die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren wiederholt Straßenbahnstrecken in peripheren Teilen der Stadt durch immens teure U-Bahn-Strecken ersetzt wurden, deren Fahrgastzahlen anderswo maximal zum Bau von – hier bereits vorhanden gewesenen – Straßenbahnen Anlass gegeben hätten.
Betrachten wir kurz das mittlerweile 65 km lange U-Bahnnetz aus dem Blickwinkel der Straßenbahn, so stellen wir fest: Ganz nach dem Vorbild von München und Nürnberg wurden sämtliche parallelführenden Straßenbahnlinien eingestellt, wodurch das Straßenbahnnetz viel von seiner gewachsenen Struktur verlor. Insgesamt fielen der U-Bahn seit dem Baubeginn im Jahre 1969 knapp 34 km Straßenbahnstrecken zum Opfer. Im genannten Zeitraum konnten zwar auch 16 km Neubaustrecken eröffnet werden, 6,8 km davon wurden aber zwischenzeitlich wiederum durch die U-Bahn ersetzt. Das Streckennetz umfasst heute eine Länge von 176 km und ist damit um 13 Prozent kleiner als vor Beginn des U-Bahn-Baues.








